Nachhaltigkeits­vision der Heinz Sielmann Stiftung

Ein Interview mit Michael Beier, geschäftsführender Vorstand

1.    Die Sielmann Stiftung hat den Leitsatz „Vielfalt ist unsere Natur“. Wie lässt sich die Projektvielfalt im bundesweiten Wirken der Stiftung für unterschiedlichste Lebensraumtypen in wenigen Worten beispielhaft zusammenfassen?

Wir benötigen dringend mehr Lebensräume für die Flora und Fauna in Deutschland. Eine Studie des Entomologischen Vereins in Krefeld 2017 zeigte auf, dass in den letzten 20 Jahren 75% der Biomasse für Insekten verloren gegangen sind. Da diese Studie aber in Naturschutz­gebieten erhoben wurde, stellt sich die dringliche Frage: Wie sieht es auf den Flächen der industria­lisierten Landwirtschaft für Insekten und Wildbienen aus?

Wir müssen schnell und wirksam handeln, um die biologische Vielfalt in Deutschland zu erhalten. Forschungs­ergebnisse und Studien gibt es zur Genüge. Was fehlt, ist der Wille zur Tat in der Politik und bei einem Teil der land- und forstwirt­schaftlichen Flächen­nutzer. 

Die Heinz Sielmann Stiftung zeigt mit ihrem natur­schutz­fachlichen Engagement, dass man Offenland für einen vielfältigen Artenreichtum erhalten sowie mit eigenen Biodiversitäts­projekten bundesweit Lebensräume für geschützte und bedrohte Arten schaffen kann. Hier wirken die Bundesländer und Gebiets­körperschaften mit der Stiftung auf unterschiedliche Art und Weise im Projekt­management zusammen. Stärker interessiert am Thema zeigen sich zunehmend auch Unternehmen und Bürger­initiativen, die unsere Beratungs­angebote nutzen oder eine Partnerschaft mit uns eingehen.     

 

2.    Herr Beier, ein kurzer Blick zurück: Sie hatten vor zwei Jahren u.a. die Ziele formuliert, die Wahrneh­mung der Wirksamkeit der Projekte zu erhöhen und neue Zielgruppen zu „entdecken“. Welche Fortschritte konnten Sie hierbei erzielen?

Das Vertrauen in die Stiftung spiegelt sich am besten im Erbschaftsmarketing bei den Testamenten für die Stiftung wider. Diese Einnahmen steigen deutlich an, weil das Vertrauen in uns generationsübergreifend und auf Dauer vorhanden ist. Wir tun dafür sehr viel, insbesondere durch eine umfassende Transparenz über unseren Stiftungsalltag. So gelang es uns zudem, die Followerzahlen im Socialweb deutlich zu steigern und mehr als 6.000 Neuspender zu gewinnen.

 

3.    Auch im Hinblick auf die internationale Ausrichtung sowie den Aufbau der Public Affairs wollte die Stiftung neue Schwerpunkte setzen. Können Sie uns hierzu kurz einen Einblick in die Entwicklungen der beiden letzten Jahre geben?

Die Stiftung hat sich für ein natur- und artenschutzfachliches Engagement in Afrika entschieden. Mit zwei eigenen Projekten wirken wir in Äthiopien und Uganda. Wir setzen dabei auf Partnerschaften mit deutschen Stiftungen und NGOs vor Ort, die mehr Erfahrungen mit den lokalen Gegebenheiten haben. Darüber hinaus sind wir auch Technischer Partner eines globalen Projektes für Afrika geworden: AFR100 heißt das Programm zur Wieder­bewaldung der G20-Gruppe in Afrika.

Darüber hinaus gestalten wir gemeinsam mit der öffentlichen Hand Biodiversitäts­projekte in der Döberitzer Heide und in der Tangers­dorfer Heide. Im Landkreis Ravensburg bauen wir mit Landesmitteln aus Baden-Württemberg einen neuen Biotop­verbund auf. Die Umweltministerin Sachsen-Anhalts schenkte uns ihr Vertrauen für ein gemeinsames Hochwasser-schutzprojekt an der Elbe. 

Für mich ist der Weg der (Öffentlichen) Public Private Partnership der wirkungsvollste und effektivste Weg des Zusammen­wirkens von öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft, NGOs und Stiftungen. 

 

4.    Für die Stiftung ist die Wirksam­keit ihrer Projekte gegenüber den jeweiligen Ziel­gruppen das wichtigste Kriterium des Handelns. Nach welchen Kriterien bewerten Sie die Wirk­samkeit der Stiftungs­projekte?

Zum einen beim ökologischen Monitoring nach der Zahl entdeckter geschützter oder bedrohter Arten und Artengruppen in unseren Landschaften. Zum anderen heißt es für uns auch in der Wirkungs­messung „Vielfalt ist unsere Natur“. So betrachten wir u.a. die Qualität der Partner in den Projekten, den „Return on Investment“ der Mailings bei unseren Spendern, die Resonanz in den Medien, die Anzahl der Teilnehmer bei unseren Veranstaltungen, die Spenden- oder Sponsoring­einnahmen, die Wachstums­rate von Erbschaften zugunsten der Stiftung, die Zufriedenheit unserer Vielzahl an Partnern, Förderern und Spendern, die Zahl der „Wiederholungstäter“, der Wiederkehrer zu unseren Angeboten. 

 

5.    Der zweite Nachhaltigkeitsbericht setzt die Berichterstattung nicht für alle Themen fort. Welche Bedeutung hatte die Materialitätsanalyse hierbei bzw. welche weiteren Gründe gab es für diese Fokussierung?

Die Materialitäts­analyse zeigt den ernsthaften Willen der Stiftung zur eigenen Nachhaltigkeit und dient als Messlatte, um die gewählte Fokussierung kritisch zu hinterfragen. Sie zeigt Fortschritte ebenso auf wie Hausaufgaben, die noch vor uns liegen. Zum Beispiel werden wir uns jetzt mit einem betrieblichen Umwelt­management wie in der Industrie auseinandersetzen müssen, um uns auch hier an unserem eigenen hohen Anspruch messen zu lassen. Das betrifft auch das Qualitäts­management in der Stiftung.

 

6.    Der Nachhaltigkeitsbericht 2015 war der erste Bericht der Sielmann Stiftung. Wie war die Reaktion auf den Bericht – intern und extern?

Erfreut waren wir über die Wahr­neh­mung in der Industrie und bei den Banken. Für unser Projekt „Naturnahe Gestaltung von Firmengeländen“ war der Nachhaltigkeits­bericht mit GRI-Standard segensreich und mündete in gemeinsame Projekte zur Förderung der Biodiversität. Wir haben auf Augenhöhe mit den CSR- und Nachhaltigkeits­abteilungen in DAX-Unternehmen oder Familienbetrieben verhandeln können.

Überraschend zurückhaltend fiel hingegen die Reaktion in der Welt der Stiftungen aus. Nur sehr wenige sind uns gefolgt, kaum eine Stiftung hat sich Rat eingeholt.   

 

7.    Sie haben bereits vieles zu den Fortschritten der letzten beiden Jahre gesagt. Wie möchten Sie diese Erfolgsgeschichte weiterschreiben? Was sind die nächsten Etappenziele, die Sie sich gesetzt haben?

Als nächste Etappen auf unserem Weg haben wir uns die folgenden Ziele gesetzt: ein betriebliches Umwelt­management­system, ein bundesweit einheitliches ökologisches Monitoring auf unseren Projekt- und Eigentums­flächen, eine durchgängige Digitalisierung in der Stiftung, eine Verstetigung der Wirksam­keits­messung und Evaluation über alle Projekte hinweg.

Darüber hinaus möchten wir eine eigene Didaktik der Stiftung zu verschiedenen Themen­komplexen entwickeln. Hierzu zählen die Vermittlung von Biodiversität, von systemischen Zusammen­hängen für eine biologische Vielfalt auf unserer Erde, für ökologische Kreislauf­systeme mit Angeboten für das eigene Handeln sowie für die bewusste Veränderung des persönlichen Tuns rund um die Nachhaltigkeit, insbesondere im Upcyling. Ein “Weiter so“ werden wir uns nicht mehr leisten können.

Der aktuelle Living Planet Report hat deutlich aufgezeigt, dass es für die Arten in der globalisierten Welt bereits fünf vor zwölf ist.

 

 

Kontakt

Michael Beier
michael.beier(at)sielmann-stiftung.de
Tel. +49 (0)5527 914-444
Mobil +49 (0)170 9208787